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Cicero


Obamas Siegeszug

von Alexander Görlach

 

Dank Barack Obama wissen die Deutschen nun, was eine politische Lichtgestalt ist. Die Wege zur Siegessäule waren ab dem Nachmittag gesäumt von pilgernden Menschen, am Ende sollen es rund 200.000 gewesen sein. Im Zug der Wallfahrer sind viele junge Menschen, ganze Familien, Touristen, Männer im Anzug und Frauen im Kostüm, die sich nach Feierabend auf den Weg gemacht haben. Von Rausch ist keine Spur, aber von gespannter Erwartung. Welcher deutsche Politiker wäre in der Lage, durch die bloße Ankündigung seines Auftritts eine solche Menschenmasse zu bewegen? Richtig: Keiner.

Barack Obama hat keine Agenda im Gepäck. Auf den Lippen trägt er Visionen. Man muss schon hart gesotten sein, um sich nicht davon einnehmen zu lassen: Eine multilaterale Welt zeichnet er, in denen alle Bürger der Welt gemeinsam ihre Interessen vertreten. Die USA sind darin ein bedeutender, aber nicht der einzige Player. Vom Kampf gegen den Klimawandel, über die Armut in Bangladesh und die politische Unterdrückung in Birma: Obama lässt kein Thema aus. Nicht, um es einem Lösungsvorschlag zuzuführen, sondern um es durch die bloße Erwähnung am „Change - yes we can“-Taumel partizipieren zu lassen.

Die Wahl des amerikanischen Präsidenten lässt die Deutschen von jeher nicht kalt. Von der Ausführlichkeit, mit der hierzulande der Vorwahlkampf in den USA verfolgt wurde, träumen die deutschen Wahlkampfstrategen. Das liegt nicht zuletzt an der tiefen Freundschaft, die beide Völker seit den Tagen der Luftbrücke vor genau 60 Jahren verbindet. Amerikas Präsidenten waren bis zum Ende des Kalten Krieges in gewisser Weise immer auch Ehrenbürger von Berlin; nur durch diesen mächtigen Protektor ist der Westteil der Stadt eine freie Enklave inmitten der sozialistischen Tyrannei geblieben. Die Deutschen haben das nicht vergessen. Deutsche Außenpolitik zeichnet sich deshalb auch nicht durch Äquidistanz zu den USA und zu Russland aus. Die These ist keineswegs kühn, dass Herr Medwedew oder Herr Putin weder solche Menschenmassen hierher bewegt geschweige denn, so viel Applaus bekommen hätten.

Obama ist nicht nur Visionär, sondern auch Realist an diesem Abend: Er schwört die Europäer ein auf die nächsten Etappen im Krieg gegen den islamistischen Terror. Er spricht von dem Engagement, das in Afghanistan weiterhin nötig sein wird. Auch Deutschland wäre seiner Meinung nach blamiert, wenn die Mission am Hindukusch scheiterte. Und: Am Wiederaufbau im Irak sollen sich auch die Deutschen beteiligen. Nicht immer ist der Applaus aufbrausend und begeistert an diesen Stellen. Aber keiner kann sagen, der Senator aus Illinois hätte den Deutschen nur Zuckerbrot offeriert. Alles wird besser nach Georg W. Bush, aber nicht alles wird einfacher.

Barack Obama hat es an diesem Tag in Berlin geschafft, als politische Ausnahmeerscheinung im Gespräch zu bleiben. Die Bildsprache, das Pathos, das er mit Hilfe der englischen Sprache zu einer gewissen Vollendung zu treiben in der Lage ist, ist normalerweise nicht Teil der politischen Kultur in Deutschland. Von daher wirkt sein Auftritt teilweise kurios. Handfeste Botschaften gehen in diesem Duktus fast unter: Sollte er Präsident werden, wird sein Land, „wie Deutschland“ den Kampf aufnehmen und den CO2-Ausstoß reduzieren. Außerdem wird er dafür eintreten, dass Atomwaffen vom Angesicht der Erde verschwinden.

In allen Strandbars, Restaurant und öffentlichen Verkehrsmitteln gibt es nur ein bestimmendes Thema an diesem Abend: Die Rede Obamas. Sollte er Präsident werden, wird dieser Auftritt vor der Siegessäule als Meilenstein der transatlantischen Beziehungen und der deutsch-amerikanischen Freundschaft in die Geschichte eingehen. Und uns Deutschen bliebe durch seine Wahl wenigstens eine politische Lichtgestalt erhalten.

 

--Alexander Görlach ist Ressortleiter Online bei Cicero. Er war Reporter für das ZDF und hat für die FAZ und die Süddeutsche geschrieben.

info@a-goerlach.com

       
 

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